- AUS DER KLAR WERKSTATT
Zwischen Fakten und Fake – Welche Plattformen zählen noch?
Wie gehen Institutionen und Unternehmen damit um, dass auf den Digitalplattformen immer mehr Desinformation und Hassrede dominiert? Wir haben dazu mit Anna Maria Reich-Kellnhofer, Kommunikationsleiterin der Wiener Linien, und Christina Schwaha und Stefan Rathmanner von APA-Faktencheck gesprochen.
klar: Sie sind letzten Juni als eines der ersten Unternehmen in Österreich mit einer sehr hohen Followerzahl aus X ausgestiegen. Was waren Ihre Beweggründe und wie sind Ihre Erfahrungen?
Anna Maria Reich-Kellnhofer: Unsere Haltung ist klar: Wir transportieren alle Menschen in Wien und sind damit die größte Fahrgemeinschaft der Stadt, die unglaublich vielfältig ist. Egal ob Fahrgäste oder Kolleg:innen, wir leben ein buntes Miteinander, das von Respekt, Toleranz, Kollegialität und Fairness geprägt ist.
X hat sich zu einem Ort entwickelt, an dem Hass und negative Diskussionen immer mehr zugenommen haben. Das war für uns als Unternehmen, das einen Querschnitt der Gesellschaft bedient, nicht tragbar.
Für unseren Ausstieg oder eigentlich Umstieg gab es zwei Gründe:
Erstens hat sich mit den bekannten Änderungen auf X die Investition im Vergleich zum Nutzen nicht mehr gelohnt. Mit Investition meine ich nicht nur Geld, sondern vor allem auch den Einsatz unserer Kolleg:innen, die dort mit wütenden Angriffen bis zu Drohungen in einem Maß konfrontiert waren, das für uns nicht mehr vertretbar war. Die Gesundheit unserer Mitarbeiter:innen geht vor.

Zweitens haben wir niederschwelligere Kommunikationsangebote für jene Inhalte entwickelt, die zuvor auf Twitter bzw. X verbreitet wurden. Früher war dies jener Kanal, um Störungsinformationen in Echtzeit zu verbreiten. Die Infoangebote zu Störungen konnten wir sehr erfolgreich auf unsere Website und in unsere App WienMobil verlegen, wo sie mehr Menschen erreichen als auf X. Damit haben wir X auch nicht mehr gebraucht.
Wir haben festgestellt, dass wir als Wiener Linien unsere Ressourcen besser in Kanäle investieren können, die einen positiveren und konstruktiveren Dialog ermöglichen.
klar: Wie haben Sie den Ausstieg angelegt?
Reich-Kellnhofer: Zunächst haben wir eine Art „Cooling-down-Phase“ eingelegt, wir waren einfach nicht mehr aktiv und haben in dieser mehrmonatigen Testphase beobachtet, ob das negative Auswirkungen hat. Hatte es nicht. Im Juni 2024 haben wir sehr aktiv auf unsere Betriebsinfo-Angebote verwiesen, für die kein Social Media Account notwendig ist und haben den X-Ausstieg dann klar und transparent kommuniziert.
klar: Wie waren die Reaktionen darauf?
Reich-Kellnhofer: Sehr unterschiedlich, aber insgesamt haben wir viel Zustimmung erhalten. Es gab auch mediale Aufmerksamkeit. Natürlich haben wir die zu erwartende Vorwürfe abgewogen, dass wir „das Feld räumen“ und den Missständen auf X nicht mit aktiver Kommunikation entgegenwirken können. Aber wir vertreten unsere Werte weiterhin auf Plattformen, wo Dialog tatsächlich möglich ist. Seit unserem X-it haben sich zahlreiche andere Unternehmen ebenfalls von X verabschiedet, zum Beispiel die Berliner Verkehrsbetriebe. Rückblickend können wir sagen, dass die Entscheidung für uns richtig war.
klar: Wie geht es Ihnen auf anderen Kanälen, da sind die Wiener Linien ja nach wie vor sehr aktiv und auch dort gibt es Veränderungen?
Reich-Kellnhofer: Hass im Netz nimmt leider zu. Auf Instagram läuft es derzeit gut, dort gibt es eine gute Diskussionskultur. Auf Facebook sehen wir zunehmend auch eine Entwicklung in Richtung destruktiver Kommentare und wütender Stimmen. LinkedIn wandelt sich im Moment auch, wir werden sehen, wo das hingeht. Auf BlueSky sind wir bisher nicht vertreten, denn wir evaluieren neue Plattformen stets bezüglich möglicher Reichweite und Potential, bevor wir aktiv werden.
Über alle Kanäle hinweg ist unser Grundsatz, dass gutes Community Management wichtiger ist, denn je. Wir investieren hier viel Zeit und Herzblut, damit unsere tolle Community weiterhin so sein kann, wie sie ist: Vielfältig und bunt

klar: Was macht ihr als APA-Faktencheck genau?
Christina Schwaha & Stefan Rathmanner: Eingebunden in ein internationales Netzwerk mit dem International Fact Checking Network (IFCN) dem European Fact-Checking Standards Network (EFCSN) und anderen beobachten wir Inhalte in sozialen Medien, die Falschbehauptungen sein können und eine gewisse Öffentlichkeitswirksamkeit haben. Wir recherchieren die Quellen, fragen nach und versuchen herauszufinden, was davon richtig ist und was falsch. Das veröffentlichen wir dann einerseits auf unserer Website apa.at/faktencheck, auf gadmo.eu und auf Social Media. Dabei arbeiten wir mit Open-Source-Tools wie der Rückwärtssuche von Bildern, Internetarchiven und Geolocation-Techniken, um Menschen zu zeigen, wie sie selbst Fakten überprüfen können.
klar: Wie kommt ihr eigentlich zu den Themen, die ihr checkt?
Schwaha & Rathmanner: Da gibt es deutliche Trends in ganz Europa. Unsere Themenfindung ist einerseits durch die enge Kooperation mit der dpa (Deutsche Presse-Agentur) geprägt, die für uns eine zentrale Rolle spielt. Die dpa hat ein breites Netzwerk, auch in den Benelux-Staaten, was uns ermöglicht, Themen über Ländergrenzen hinweg zu verfolgen. Auf der anderen Seite sind wir selbst in zahlreichen Social Media-Gruppen unterwegs, wo viele Falschinhalte geteilt werden und monitoren dort jeden Tag. Wir beobachten, dass bestimmte Themen in verschiedenen Ländern ähnlich sind, insbesondere im EU-Kontext. Migration, EU-Politik, der Ukraine-Konflikt und Klimawandel sind beispielsweise Themen, die uns täglich beschäftigen. Während der Corona-Pandemie waren Impfungen und das Virus die dominierenden Themen, aber mittlerweile haben sich andere Schwerpunkte etabliert, die sich die Waage halten.
Oft sehen wir, was sich international tut und finden dann ähnliche Behauptungen in Österreich. Man kann sich auch bei uns melden, wenn einem etwas seltsam vorkommt, als Privatperson, aber natürlich auch als Unternehmen. Wir sind da sehr offen. Leider sind wir aber auch mit Trollen konfrontiert, die uns mit Themenanfragen zuspammen und so die Aufmerksamkeit von wirklich relevanten Falschmeldungen abziehen.
Auffällig ist, dass in Österreich bestimmte Portale und Akteure immer wieder im Fokus stehen. Diese sind oft dieselben und wechseln ihre Themen – wer früher gegen Corona-Impfungen wetterte, kritisiert heute die EU-Politik im Ukraine-Konflikt. Die Themen sind also austauschbar, aber die Akteure bleiben oft gleich.
klar: Mit welcher Kritik bzw. mit welchen Fake News seid ihr eigentlich konfrontiert?
Schwaha & Rathmanner: Man wirft uns aus bestimmt Ecken gerne Zensur vor. Das ist aber sehr falsch. Wir löschen nichts – das können wir auch gar nicht, sondern belassen den originalen Post und stellen unsere Rechercheergebnisse inklusiver aller Quellen dazu. Dann kann sich jede Leserin und jeder Leser ein eigenes Bild machen.
klar: Könnt ihr alles überprüfen?
Schwaha & Rathmanner: Wir geben uns Mühe. Aber einige Behauptungen sind so vage formuliert, dass sie zwar nicht richtig, aber auch schwer zu widerlegen sind. Oft ist es auch einfach Meinung oder Satire. Da wird es schwierig für uns. Ebenso liegt es an der schieren Menge an Informationen. Die Flut an E-Mails, die wir von Bots erhalten, zeigt, wie schwierig es ist, alle Anfragen zu bearbeiten. Wir müssen priorisieren und uns auf die Themen konzentrieren, die die größte Reichweite oder das größte Schadenspotenzial haben. Bei X gibt es keine Faktenchecks mehr, da setzt man auf die Community-Notes, bei Meta geht es in den USA bereits in dieselbe Richtung.

klar: Wie schätzt ihr das ein, und was erwartet ihr für Europa?
Schwaha & Rathmanner: In Europa wird der Digital Services Act (DSA) zwar Plattformen stärker in die Pflicht nehmen, aber er verpflichtet nicht explizit zu Faktenchecks. Ein unabhängiger Faktencheck ist ein unabhängiger Faktencheck, das können Community Notes in den seltensten Fällen leisten. Wir sind dafür ausgebildet und haben streng ethische Standards, wir sind zu Transparenz, Unparteilichkeit und Qualitätssicherung verpflichtet. Personen, die in der Community Notes verfassen, sind das nicht.
Tatsache ist, dass es durch Deep und noch viel mehr durch Cheap Fakes immer schwieriger wird, sich zurechtzufinden und Inhalte korrekt einzuordnen. Eine unabhängige Prüfung braucht es aus unserer Sicht in jedem Fall. Zusätzlich natürlich Qualitätsjournalismus in klassischen Medien mit gut ausgebildeten und seriös arbeitenden Redakteur:innen. Wer sich für Faktenchecks und unsere Recherchetechniken interessiert: wir als APA bieten Media Literacy-Schulungen und Faktencheck-Workshops in unterschiedlicher Länge für Privatpersonen für Unternehmen an und freuen uns über viele, interessierte Teilnehmer:innen.
klar: Danke für das Gespräch.