• AUS DER KLAR WERKSTATT

Was tun, wenn soziale Medien zur Kommunikationsgefahr werden?

Mark Zuckerberg beendet Faktenchecks, Meta blockiert in den USA Beiträge der Demokratischen Partei. Elon Musk verwandelt X zum Kampforgan. Desinformation, Antisemitismus und Attacken gegen Minderheiten werden als Meinungsfreiheit verkauft. Auch LinkedIn gerät zunehmend mangels seriöser Moderation in die Kritik.

Nicht wie, sondern ob

Was mache ich als Unternehmen angesichts einer Social-Media-Welt, die zunehmend unkontrollierbar scheint? Bleibe ich auf Plattformen, deren Algorithmen Polarisierung verstärken und Stimmungen aufheizen? Riskiere ich, dass mein Content, meine Botschaften in einen unerwünschten Kontext gestellt werden? Setze ich mich Hate-Speech aus? Könnte ich mir den Rückzug auf Medien leisten, die Informationen auf ihren Wahrheitsgehalt prüfen, sie vergleichen und in ein Gesamtbild einordnen? Erreiche ich dort in Zukunft noch mein Publikum? Oder warte ich auf den Tag, an dem Reichweite und Seriosität vielleicht zusammenfinden?

Die Frage ist nicht mehr nur, wie ich Social Media nutzen will, sondern ob und unter welchen Bedingungen eine Präsenz auf Plattformen noch verantwortbar ist. Ab welchem Punkt ich gefährliche Entwicklungen nicht mehr durch Präsenz und Werbung fördern will. Namhafte Unternehmen, Medien, Universitäten haben eine erste Frage beantwortet und ihre X-Accounts gelöscht. Aber wird das die Lösung sein?

Ausblick derzeit: offen bis dystopisch

Wie es weitergeht, ist schwer abzusehen. Die EU-Kommission hat mit dem Digital Services Act einen ersten wichtigen, aber noch nicht ausreichenden Schritt gesetzt. Julian Sadeghi beschreibt in der ZEIT Online (Paywall), dass selbst in den USA der von Vance, Musk & Co. verdrehte  Freedom-of-Speech-Zusatz zur Verfassung als Grundlage für eine ganz andere Entwicklung der Plattformen dienen könnte: So habe der Supreme-Court bereits 1949 eine auf Basis verschiedener politischer Standpunkte gut informierte Öffentlichkeit als vorrangiges Ziel der Redefreiheit definiert: „It is the right of the viewers and listeners, not the right of the broadcasters, which is paramount.“ Ob sich diese Denkweise kurzfristig durchsetzen wird, darf allerdings bezweifelt werden.

Haltung bewusst machen, Umfeld mitgestalten

Bei aller Unklarheit über die weiteren Entwicklungen ist nicht zu agieren keine Option. Es gibt auch viele Wege, gegenzusteuern:

  1. Klarheit über die eigene Haltung gewinnen – als Person, Unternehmen, Organisation: Welche Werte vertreten wir? Nach welchen Kriterien entscheiden wir? Wo ziehen wir unsere roten Linien? Welche Strategie verfolgen wir? (klar unterstützt gerne.)
  2. Bei Media-Schaltungen auf seriöse Plattformen setzen: So prüft etwa News Guard Online-Nachrichten- und Informationsangebote einschließlich Likes, Shares und Kommentaren auf ihre Vertrauenswürdigkeit und erleichtert damit auch qualifizierte Entscheidungen über Werbeplatzierungen.
  3. Qualitätsjournalismus, Medienvielfalt, Medienkompetenz unterstützen: Dafür setzen sich zahlreiche Organisationen ein. Die Kooperations- und Fördermöglichkeiten sind unterschiedlich, ebenso variieren die Regelungen zur Sicherung der Unabhängigkeit von den Fördernden: Media Forward Fund, Österreichische Medienakademie, Medienhaus Wien, Kinderbüro, Datum Stiftung, Correctiv, Pluralis, FJUM u.v.m.

Qualitätsjournalismus aktiv zu fördern, ist eine gemeinsame Verantwortung. Seriöse Medien, Medienvielfalt und Medienkompetenz sind essenziell für eine funktionierende Demokratie – gerade in Zeiten, in denen Plattformen die öffentliche Debatte dominieren.