- AUS DER KLAR WERKSTATT
„Im Fußball sieht man das Ergebnis nach 90 Minuten, in Unternehmen oft erst nach ein, fünf oder 15 Jahren.“
Was haben Spitzensport und Unternehmensführung gemeinsam? Mehr als man auf den ersten Blick vermuten würde. Julian Jäger, Vorstand des Flughafen Wien, bekennender Fußballfan und Aufsichtsratsmitglied der Austria Wien AG, über Analogien zwischen Führung in Fußball und Unternehmen, die Bedeutung von Unternehmenskultur und warum Erfolg von den richtigen Personalentscheidungen abhängt.
klar: Herr Jäger, wo sehen Sie die wesentlichen Unterschiede zwischen Fußball und Management bzw. Unternehmensführung?
Julian Jäger: Für mich sind es Zeit und Emotion. Im Fußball bekommt man sehr schnell eine Rückmeldung. Nach 90 Minuten weiß man, ob der Plan aufgegangen ist oder nicht. In meiner Welt ist das oft anders. Als Flughafen treffen wir Entscheidungen, deren Auswirkungen wir manchmal erst nach einem, fünf oder sogar 15 Jahren wirklich beurteilen können. Sind sie richtig, profitieren wir sehr lange davon. Sind sie falsch, leiden wir ebenso lange darunter. Das macht Führung in Infrastrukturunternehmen zu einer sehr langfristigen Aufgabe.

klar: Als zweiten Faktor nannten Sie das Thema Emotion. Warum?
Jäger: Fußball ist geprägt von Emotionen und permanenter öffentlicher Beobachtung. Was mich fasziniert, ist die Intensität. Dieses Hochgefühl im Idealfall findet man sonst wahrscheinlich nur bei Schauspieler:innen oder in der Politik, wo man alles auf ein Ziel fokussiert. Im Fußball gibt es Sieg oder Niederlage, Freude oder Enttäuschung. Diese unmittelbaren Emotionen gibt es im Management viel seltener. Gleichzeitig zeigt der Sport, wie wichtig es ist, auch unter öffentlichem Druck handlungsfähig zu bleiben. Trainer, Spieler und Funktionäre werden ständig bewertet. Von Fans, Medien und dem Umfeld. Diesen Druck unterschätzen viele.

klar: Sie führen einen hochkomplexen Betrieb mit tausenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Wie wichtig ist dabei Kontrolle?
Jäger: Je größer und komplexer eine Organisation wird, desto wichtiger wird das Loslassen. Ich kann unmöglich in allen Bereichen Experte sein. Meine Aufgabe besteht darin, die strategische Richtung vorzugeben, die richtigen Menschen auszuwählen und Vertrauen zu schaffen. Das Tagesgeschäft erledigen müssen andere besser können als ich.
klar: Welche Rolle spielt Unternehmenskultur?
Jäger: Eine sehr große. Kultur entsteht weniger durch das, was man sagt, sondern vor allem durch das, was man vorlebt. Als Führungskraft prägt man damit ein Unternehmen oft stärker, als einem bewusst ist.
klar: Haben Sie ein Beispiel?
Jäger: Meine Erfahrung – insbesondere aus meiner Zeit in Malta – ist, dass sich eine Kultur nach einigen Jahren auch verselbstständigen kann. Wenn man eine bestimmte Art der Zusammenarbeit konsequent lebt, muss man später oft nur noch wenig korrigierend eingreifen, weil sich viele Dinge aus der Organisation heraus entwickeln. Gleichzeitig zeigt sich in der Menschenführung, dass jeder Mensch anders ist. Manche brauchen nur eine grobe Richtung und laufen dann von selbst los, andere benötigen deutlich konkretere Orientierung. Führung bedeutet deshalb auch, auf unterschiedliche Menschen unterschiedlich einzugehen.
klar: Was entscheidet über den Erfolg eines Teams im Fußball und im Unternehmen?
Jäger: In vielen Bereichen muss ich die Kontrolle im Tagesgeschäft abgeben und darauf vertrauen, dass andere Menschen mehr von ihrem Fach verstehen als ich. Deshalb sind Personalentscheidungen für mich eine der wichtigsten Aufgaben von Führungskräften. Damit steht und fällt fast alles, und das ist eine große Ähnlichkeit zum Fußball. Gleichzeitig zeigt die Erfahrung, dass nicht jede Entscheidung richtig ist. Wichtig ist daher, Fehler zu erkennen, zuzugeben und zu korrigieren. Genau das macht für mich oft den Unterschied zwischen guten und weniger guten Managern aus.
klar: Wenn Sie auf erfolgreiche Führungskräfte im Sport und in der Wirtschaft blicken: Gibt es einen Grundsatz oder eine Erkenntnis, die Sie persönlich über die Jahre besonders geprägt hat?
Jäger: Eines meiner Lieblings-Management-Zitate stammt von Luca di Montezemolo, dem langjährigen Ferrari-Chef. Er hat gesagt: Erstens umgib dich mit Menschen, die besser sind als du. Zweitens entwickle eine Strategie, die in einem Satz jeder verstehen kann. Und drittens schau immer nach vorne und nie zurück. Diese drei Grundsätze begleiten mich bis heute. Gerade der letzte Punkt ist oft der schwierigste. Aber sowohl im Fußball als auch im Management gilt: Man muss Niederlagen abhaken können. Und manchmal sogar Erfolge. Sonst wird die Vergangenheit schnell zur Belastung für die Zukunft.
klar: Danke für das Gespräch.
Julian Jäger ist seit 2011 Vorstand der Flughafen Wien AG und verantwortet unter anderem den Flughafenbetrieb, die IT, die Technik sowie internationale Beteiligungen. Zuvor war er fünf Jahre lang Vorstand der Flughafentochter in Malta. Jäger verfolgt seit Jahrzehnten den internationalen Spitzenfußball und ist Aufsichtsratsmitglied der Austria Wien AG.