• AUS DER KLAR WERKSTATT

Das Runde muss ins Eckige – nur im Fußball?

Was Unternehmen und Organisationen während der WM lernen können.

klar liefert eine kleine Auswahl für glühende Fans und Nicht-Expert:innen, die in den kommenden Wochen über den Spielfeldrand hinausdenken wollen.

Erfolgreich ist, wer eine klare Idee laufend weiterentwickelt

Moderner Fußball zeigt, was Strategie nicht sein darf: starr. Ja zu Prinzipien, nein zu Dogmen. Erfolgs-Teams haben eine Spiel-Idee, analysieren den Gegner, werten Daten aus, passen Formationen an und treffen situativ die richtigen Entscheidungen. Sie wissen, wie sie Räume nützen, wann sie Druck machen, wie sie Ballbesitz interpretieren, wie sie auf unterschiedliche Gegner und wechselnde Spielverläufe reagieren.

Das bedeutet: Strategie ist nicht der perfekte Plan für alle Fälle. Strategie heißt, Orientierung zu geben, Prioritäten zu setzen und die eigene Organisation lernfähig zu machen.

Über das konkrete Spiel hinaus zeigt der Frauenfußball in den letzten Jahren, welche Wirkung professionelle Strukturen, gezielte Investitionen und langfristige Entwicklungsstrategien entfalten können. Wo er als eigenständiges strategisches Feld und nicht als Nebenprojekt begriffen wird, entstehen Sichtbarkeit und nachhaltige Leistung. So gilt wohl auch für Wirtschaft und öffentlichen Sektor, dass profitiert, wer Zukunftsfelder früh ernstnimmt und die richtigen Wege findet.

Führung bedeutet Orientierung, Vertrauen, Entwicklung

Ob Carlo Ancelotti (Real Madrid, Coach von Brasiliens „Seleção“) stoisch an der Seitenlinie steht oder Diego Simeone (Atletico Madrid) an derselben hektisch gestikulierend auf und ab hetzt – während des Spiels selbst können Trainer nur wenig bewirken. Erfolgreiche Teams funktionieren, weil Rollen klar sind, Verantwortung geteilt wird und Spielerinnen und Spieler in einem Umfeld arbeiten, das Leistung ermöglicht. Gute Trainer geben Orientierung, schaffen Vertrauen und fordern hohe Standards ein, ohne jede Entscheidung zentral kontrollieren zu wollen. Englands Nationaltrainer Thomas Tuchel wusste schon in seinem ersten Job bei Mainz: Spieler kann man vielleicht formen bis sie 18 oder 19 sind, danach kann man ihnen nur mehr die richtigen Rahmenbedingungen bieten.

Was heißt das für Unternehmen und Organisationen? Führung ist nicht Befehl und Kontrolle, Führung baut ein leistungsfähiges System. Menschen arbeiten besser, wenn sie wissen, was von ihnen erwartet wird, wie ihr Beitrag zum Ganzen aussieht und wo sie Gestaltungsspielraum haben. Mehr dazu auch im Interview mit Flughafen-Vorstand Julian Jäger.

Tausend Daten – komprimiert in einem Zuruf

Im Profifußball arbeiten Datenanalyst:innen, Athletiktrainer:innen, Performance-Teams und Kommunikationsabteilungen eng zusammen. Neben und auf dem Spielfeld werden Informationen in Hochfrequenz verarbeitet und weitergegeben. Komplexität aus Unmengen an Daten muss auf kurze, klare Anweisungen verkürzt werden. Missverständnisse, unklare Abläufe und fehlende Abstimmung können binnen Sekunden das Ergebnis monatelanger Vorbereitungen zunichtemachen. Zwischen Trainerbank, Spielfeld und Analyseabteilung braucht es blindes Verständnis. Und trotzdem kann es auch dort schiefgehen. Österreichs Trainer-Aushängeschild Oliver Glasner: „Es ist sch…egal, in welchem System wir spielen, wenn wir unsere Aufgaben nicht machen.“

Die Parallele zu Organisationen: Kommunikation ist nicht Beiwerk, sondern zentrale Leistungserbringung. Kommunikation braucht Verständlichkeit, Timing und Relevanz. Kommunikation braucht Vertrauen. Mitarbeitende werden sich zwar (noch) nicht täglich mit Trackern messen lassen, aber gerne valide, für ihre Arbeit brauchbare Daten nützen.

Change-Fatigue! Echt jetzt?

Vermehrtes Klagen über permanente Veränderung „im normalen Leben“ wird Profikicker nur ein Lächeln kosten. Unerwartete Spielverläufe, Verletzungen von Schlüsselspielern, überraschende Trainerwechsel (mehr als 1 Jahr beim selben Verein gilt als guter Wert), auf und neben dem Feld maßgebliche Entscheidungen in Sekundenschnelle treffen zu müssen, gehört zum Alltag – alles unter öffentlichem Druck und Echtzeitbeobachtung bis zur Nasenwurzel. Führung im Fußball internalisiert deshalb permanente Unsicherheit, um auch in Stresssituationen ruhig und überlegt entscheidungs- und handlungsfähig zu bleiben. Zugleich plant sie punktgenau Regenerationsphasen ein, um niemanden auszubrennen.

Erfolg entsteht, wo Klarheit und Anpassungsfähigkeit zusammenkommen

Wer das Aufeinandertreffen zweier Top-Teams sieht, erlebt kein simples Spiel, sondern ein komplexes System aus Strategie, Führung, Kommunikation und Kultur. Ausnahmefußball zeigt, wie wichtig klare Leitideen, datenbasierte Entscheidungen, Vertrauen in Teams und glaubwürdige Kommunikation geworden sind. Unternehmen und Organisationen bietet das zahlreiche Rückschlüsse, wie leistungsfähige Systeme funktionieren können.