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Buchtipp: Hartmut Rosa – Situation und Konstellation: Vom Verschwinden des Spielraums

Mit Situation und Konstellation legt der deutsche Soziologe Hartmut Rosa eine kritische Diagnose unserer gegenwärtigen Zeit vor. Die spätmoderne Gesellschaft verwandelt Menschen zunehmend von Handelnden zu Vollziehenden. Was dabei verloren geht, ist nicht Effizienz oder Ordnung, sondern Urteilskraft und mit ihr eine bestimmte Weise, in der Welt zu sein.

Rosa unterscheidet zwischen Situation und Konstellation. Situationen sind offene, lebendige Geschehnisse, in denen Menschen einander begegnen, kommunizieren, reagieren, entscheiden und Verantwortung übernehmen. Konstellationen hingegen sind die strukturellen Rahmenbedingungen: Regeln, Verfahren, technische Systeme oder Algorithmen, die definieren, was zählt und was nicht. Das Problem der Gegenwart ist nicht, dass Konstellationen existieren, denn sie sind eine Errungenschaft der Moderne. Das Problem ist ihre Dominanz.

Vom Handeln zum Vollziehen

Soziales Handeln bedeutet für Rosa, sich in komplexen, oft mehrdeutigen Situationen zu bewegen und dabei praktische oder moralische Urteilskraft einzusetzen. Vollziehen hingegen heißt, Entscheidungen auszuführen, die bereits vorab von anderer Stelle getroffen wurden. Der Handlungsspielraum schrumpft auf binäre Optionen: ja oder nein, klicken oder nicht klicken.

Rosa illustriert diese Verschiebung mit anschaulichen Beispielen. Ein Schaffner hört sich die Situation eines Fahrgasts ohne Fahrschein an und entscheidet mit Augenmaß, genau darin liegt Handeln. Die konstellative Alternative lautet heute: Fahren ohne gültigen Fahrausweis kostet den doppelten Fahrpreis, Einspruch nur schriftlich. Das schafft Klarheit und Gleichbehandlung, eliminiert aber Urteilskraft. Der Schaffner vollzieht, er handelt nicht mehr.

Urteilskraft wird durch Funktionieren ersetzt

Ein zentrales Argument Rosas ist, dass menschliche Urteilskraft nicht angeboren ist, sondern Ergebnis eines biografischen Lernprozesses. Im Anschluss an Immanuel Kant versteht Rosa praktische Urteilskraft als die Fähigkeit, allgemeine Normen auf konkrete Einzelfälle anzuwenden, ohne dass diese Anwendung selbst regelhaft festgelegt werden kann. Sie verlangt Erfahrung, Kontextwissen, Sensibilität und Eigenverantwortung.

Voraussetzung dafür ist eine soziale Beziehung, in der sich Menschen wechselseitig Urteilskraft zumuten und zutrauen. Wo Entscheidungen hingegen an Regeln, Checklisten oder Algorithmen delegiert werden, wird Urteilskraft überflüssig und bildet sich auch nicht aus. Philosophisch lässt sich diese Entwicklung als Umkehrung von René Descartes’ cogito, ergo sum lesen: Denken bleibt, Urteilen wird durch Funktionieren ersetzt.

Entmachtung im Alltag

Rosa zeigt, wie diese Logik den Alltag prägt. Servicemitarbeiter:innen, Kassierer:innen, Kontrolleur:innen oder Schiedsrichter:innen stehen in emotional aufgeladenen Situationen, ohne entscheiden zu dürfen. Der Satz „Ich habe keinen Spielraum“ wird zur Charaktereigenschaft moderner Arbeit. Nicht selten verwandeln sich Tätigkeiten in das, was David Graeber als Bullshit Jobs beschrieben hat: Die menschliche Präsenz bleibt, die Handlungsmacht verschwindet.

Doch sobald Umsetzung Antragsverfahren, Auflagen und Dokumentationspflichten erfordert, legt sich ein „bürokratischer Mehltau“ darüber. Rosa sieht dadurch Energie verschwinden und Verantwortung diffundieren.

Das Beispiel des VAR im Fußball bringt diese Entwicklung auf den Punkt. Solange der Schiedsrichter auf dem Feld entscheidet, sind Spieler und Publikum Teil einer gemeinsamen Situation. Mit dem VAR wird das Spiel in eine Konstellation überführt. Die Resonanz weicht einem digital unterstützten Regelvollzug.

Ähnlich in Bildung und Medizin: Wenn Lehrende Fristen nicht mehr verlängern dürfen oder Prüfungsleistungen in binäre Kriterien zerlegt werden, ersetzt Vollzug situatives Urteilen. In der Medizin tritt an die Stelle des Menschen zunehmend der Messwert. Rosa überzeichnet bewusst, doch die Tendenz ist klar: Handlung wird delegierbar, insbesondere auch an KI.

KI, Weltverlust und Rationalisierung

Rosa ist kein Technikpessimist. Auch der Umgang mit KI ist eine Form des Handelns. Menschen entscheiden, ob ihnen ein Text, ein Bild oder eine Musik gefällt. Doch dieses Handeln ist stark gerahmt: Prompt setzen, klicken, scrollen, App wechseln. Erfahrung bezieht sich weniger auf den eigenständigen kreativen Umgang mit Sprache oder Material sondern auf das richtige Füttern der Maschine.

Hier knüpft Rosa an Hannah Arendt an. Welt entsteht dort, wo Menschen gemeinsam handeln, Beziehungen gestalten und Dinge hervorbringen. Wo Handeln durch Vollzug ersetzt wird, droht ein Weltverlust. Zugleich erinnert Rosa mit Max Weber daran, dass Bürokratisierung und Regelbindung Errungenschaften der Moderne sind: Sie sichern Gleichbehandlung, Rechtssicherheit und Freiheit. Das Paradox der Gegenwart liegt darin, dass diese Logik nun auch jene Bereiche erfasst, in denen sie ursprünglich Freiräume schaffen sollte und sie nun verengt.

Politik und Kommunikation

Vor diesem Hintergrund wird auch die politische Dimension verständlich. Populistische Figuren wie Trump versprechen radikales Handeln gegen ein als erstarrt empfundenes System. Rosa legitimiert diese Politik nicht, erklärt aber ihre Attraktivität: Sie speist sich aus der Erfahrung kollektiver Ohnmacht, das eigene Leben nur noch zu vollziehen, statt es zu gestalten.

Für Kommunikations-Expert:innen liegt hier die entscheidende Brücke. Digitale Kommunikation ist effizient: schnell, skalierbar, kontrollierbar. Doch Effizienz ist nicht gleich Wirksamkeit. Wirksam wird Kommunikation dort, wo Resonanz entsteht – wo Menschen nicht nur reagieren, sondern antworten, Vertrauen entwickeln und bereit sind, ihr Handeln zu verändern. Resonanz lässt sich nicht automatisieren. Sie entsteht nur in offenen Situationen, in denen Urteilskraft gefragt ist.

Hartmut Rosa zeichnet in Situation und Konstellation daher ein sehr treffendes, wenn auch zugespitztes Bild: Wir sind dabei, unser Leben immer perfekter zu organisieren, aber gleichzeitig dabei zu verlernen, es in unserem Sinne zu gestalten und zu leben.

Für Kommunikations-Expert:innen ist dieses Buch deshalb eine Einladung, Räume zurückzugewinnen, in denen Menschen sich begegnen, zuhören, urteilen und gemeinsam Bedeutung herstellen.

Rosa H. (2026): Situation und Konstellation. Vom Verschwinden des Spielraums. Suhrkamp.