- AUS DER KLAR WERKSTATT
Buchtipp: Bernhard Pörksen – Zuhören: Die Kunst, sich der Welt zu öffnen
Krisen und Skandale beginnen oft damit, dass nicht hingehört wird. Ob aus Bequemlichkeit, aus Angst vor Konsequenzen oder dem Wunsch, eine heile (PR-)Welt zu wahren – das Ignorieren von Missständen zieht sich durch zahlreiche gesellschaftliche Debatten. Erst wenn Betroffene laut genug werden, folgt ein Umdenken.
In seinem neuen Buch „Zuhören: Die Kunst, sich der Welt zu öffnen“ zeigt der deutsche Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen, warum Zuhören eine essenzielle Fähigkeit für den gesellschaftlichen Zusammenhalt ist – und warum es uns dennoch oft so schwerfällt. Er zeigt, dass wir nicht nur aus Selbstschutz weghören, sondern dass Zuhören immer auch eine (zum Teil schmerzhafte) Konfrontation mit den eigenen Werten und dem eigenen Weltbild bedeutet. Denn eine seiner zentralen Thesen lautet: „Wir hören, was wir fühlen.“
Zuhören als Kompetenz
Pörksen unterscheidet zwischen oberflächlichem und echtem Zuhören und macht deutlich, dass letzteres die Bereitschaft erfordert, sich auf andere Perspektiven einzulassen und Annahmen zu hinterfragen.
Aber warum fällt es uns so schwer, wirklich zuzuhören? Pörksen identifiziert mehrere aktuelle Ursachen: die Dominanz sozialer Medien, die Reduzierung komplexer Sachverhalte auf einfache Botschaften, die schnelle Empörungskultur und eine allgemeine Informationsüberflutung.

Gerade im digitalen Raum wird Kommunikation oft auf emotionale Botschaften und das bloße Senden von Inhalten reduziert, während das Zuhören und Verstehen in den Hintergrund rücken. Daraus ergeben sich ernsthafte gesellschaftliche und demokratiepolitische Konsequenzen: Die zunehmende Polarisierung, das Auseinanderdriften von Meinungsgruppen in Echokammern und die Verhärtung von Positionen sind direkte Folgen einer Kommunikationskultur, die wenig Raum für echtes Zuhören lässt.
Pörksen illustriert seine Thesen mit vier Fallbeispielen:
Odenwaldschule: Der jahrzehntelange Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule in Deutschland wurde ermöglicht, weil lange niemand den Betroffenen wirklich zuhörte. Verantwortliche verdrängten oder ignorierten Warnungen, bis der öffentliche Druck zu groß wurde. Ein klassisches Beispiel für die fatalen Folgen des kollektiven Wegschauens.
Ukrainekrieg: Der Krieg in der Ukraine verdeutlicht, wie Propaganda und gezielte Desinformation das Zuhören erschweren. Viele Menschen nehmen nur noch Informationen wahr, die ihre bestehende Meinung bestätigen („confirmation bias“). Ein genaueres Zuhören könnte helfen, konstruktive Dialoge zu ermöglichen – ohne dabei Desinformation oder Extremismus zu bagatellisieren.
Silicon Valley: Technologieunternehmen wie Meta ignorieren wissentlich Hinweise auf Hassrede, Datenschutzprobleme und gesellschaftliche Spaltung – verursacht durch plattformeigene Algorithmen. Wer nicht zuhört, riskiert langfristig einen Vertrauensverlust, wie das zunehmend der Fall ist.
Klimakrise: Wissenschaftliche Fakten und wirtschaftliche oder ideologische Interessen stehen sich oft unversöhnlich gegenüber. Die verhärteten Fronten in der Klimadebatte verhindern produktive Lösungsansätze. Pörksen zeigt auf, dass ein echtes Zuhören über Lagergrenzen hinweg notwendig ist, um tragfähige Lösungen zu finden. Aber die Suche nach Aufklärung gestaltet sich hier oft schwierig und ist begleitet von Drohungen, Diffamierungen und Hassausbrüchen, wie er im Falle der deutschen Klimaaktivistin Luisa Neubauer aufzeigt.
Zuhören als Basis für neue Gesprächskultur und Demokratie
In Zeiten, in denen demokratische Prinzipien weltweit herausgefordert werden, ist das Zuhören wichtiger denn je. Demokratie lebt vom Dialog – wo das Zuhören verloren geht, entstehen Vereinfachungen, Spaltung und Radikalisierung. Pörksen plädiert daher, eine neue Kommunikationskultur zu etablieren, die Verständigung ermöglicht.
Er zeigt auf, wie eine Kultur des Zuhörens wieder gestärkt werden kann. Dazu gehört die Schulung dieser Fähigkeit in Bildungsinstitutionen, Universitäten, Unternehmen und Medienhäusern. Wer sich auf echtes Zuhören einlässt, schafft die Grundlage für Verständigung und Zusammenarbeit. Das Buch macht deutlich, dass eine Kultur des aufmerksamen Zuhörens einen entscheidenden Beitrag zur Stärkung demokratischer Prozesse leisten kann.
Pflichtlektüre für Kommunikationsprofis
Menschen, die in Unternehmen, Institutionen oder Organisationen für Kommunikation verantwortlich sind, hilft dieses Buch, den professionellen Blick zu schärfen. Kommunikation wird oft auf das Verbreiten von Botschaften reduziert – doch echter kommunikativer Erfolg setzt voraus, dass auch das Zuhören aktiv gestaltet wird. Unternehmen, die ihre Stakeholder nicht ernst nehmen, riskieren PR-Krisen und Vertrauensverlust. Organisationen, die keine offenen Dialoge ermöglichen, verlieren an Glaubwürdigkeit. Ob in der internen Kommunikation, im Reputation- und Stakeholder-Management, bei Krisen oder in der öffentlichen Debatte – Zuhören ist eine Schlüsselkompetenz.
Mit „Zuhören: Die Kunst, sich der Welt zu öffnen“ legt Bernhard Pörksen ein hochaktuelles Werk vor, das für die Kommunikationsbranche von großer Relevanz ist. Es ist eine Einladung, Kommunikationsprozesse bewusster zu gestalten und den Wert des Zuhörens neu zu entdecken. Durch die Verbindung wissenschaftlicher Erkenntnisse mit konkreten Beispielen gelingt ihm eine kluge Analyse der modernen Kommunikations- und Medienrealität – und ein überzeugendes Plädoyer für mehr Dialogfähigkeit.
Pörksen, B. (2025). Zuhören: Die Kunst, sich der Welt zu öffnen. Carl Hanser Verlag.